Kurzschrift im Differenzierungsbereich

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Lenz
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Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 05.03.2012 21:21

Unterrichtet hier eigentlich noch jemand - vielleicht im Differenzierungsbereich - das Fach Kurzschrift?

Bei uns in NRW ist die Kurschrift mittlerweile ganz in Vergessenheit geraten, als hätte sie niemals existiert. Ich will nur hoffen, dass das Tastschreiben keine ähnliche Entwicklung nimmt, denn an Regelschulen ist es bei uns noch nicht angekommen.

Aber ist es nicht an der Zeit, der Kurzschrift wieder einen Platz an Regel- und Berufsschulen einzuräumen? Natürlich mit einer gründlich reformierten Didaktik, die dem heutigen Anwendungsbereich gerecht wird.

Unter uns sind doch bestimmt noch ein paar ausgebildete Steno-Fachlehrer. Wie steht ihr dazu?

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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Sabine » 06.03.2012 08:15

Grüß dich Lenz,

ich bin noch eine von der Stenosorte. Ich hatte das allerdings nur in den Referendariatszeit. 1 x an der Realschule für die Prüfung und 1 x als Wahlfach an der Hauptschule. Das wars dann. Kurz drauf ist Steno abgeschafft worden.

Bin auch nicht übermäßig traurig drüber. Gerade an der Hauptschule ist es zu schwer für die Schüler. Können ja "händisch" kaum richtig schreiben. Wenn ich meine 10ten einen Dreizeiler frei formulieren lasse könnt ich regelmäßig heulen. Auch sind die glaub ich nicht dazu zu bewegen den Übungsaufwand zu stemmen. Und obs im Alltag sooooo viel bringt?

Liebe Grüße, Sabine
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 06.03.2012 19:02

Hallo Sabine,

Hauptschüler sind damit natürlich überfordert und hier wäre Kurzschriftunterricht wohl deplatziert. Das kann man auch keiner Lehrkraft zumuten! Ich spreche mehr von Real-, Ober- und Berufsschulen.

Ob es im Alltag etwas bringt? Sagen wir mal so, ich halte Steno für wesentlich brauchbarer, als so manche Inhalte aus dem Fach Textverarbeitung - oder auch Deutsch oder Mathe.

Aber über die Wichtigkeit einzelner Inhalte kann man wohl sehr lange streiten :)

Auf wie viele Silben wurdet ihr denn damals im Staatsinstitut hochtrainiert?

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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Borcas » 06.03.2012 21:00

Hi Lenz,

muss Sabine da recht geben. Bin echt selbst froh, dass ich Steno nicht mehr unterrichten muss. Fand das eine fürchterlich langatmige und stupide Büffelei. Ist aber mein eigener Eindruck, vermutlich, weil ich das Fach selbst nicht mochte und mir das Unterrichten dementsprechend wenig Freude bereitet hat.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 06.03.2012 21:56

Hi Borcas,

die eigenen Fächer muss man schon mögen, ansonsten ist es sehr schwer, die Schüler von den Inhalten zu begeistern. Trotzdem stellt sich mir die Frage, ob ein modern gestalteter Stenounterricht nicht wieder möglich und sinnvoll wäre. Einige Fachkollegen von mir wünschen sich ebenfalls eine Rückkehr der Kurzschrift, allerdings mit einer zeitgemäßen Didaktik.

Leider sehe ich da im Augenblick überhaupt keine Chance. Aber man kann ja nie wissen.

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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von FKD » 06.03.2012 23:16

Hauptschüler sind damit natürlich überfordert und hier wäre Kurzschriftunterricht wohl deplatziert. Das kann man auch keiner Lehrkraft zumuten! Ich spreche mehr von Real-, Ober- und Berufsschulen.
Stenounterricht wäre nützlich für das Gymnasium oder ein Studium. Nach G8 und Bologna haben die Schüler/Studenten ja kaum noch Zeit die vielen Unterrichtsinhalte alle mitschreiben zu können, da wären Kenntnisse der Schnellschrift schon sinnvoll.

Und gerade bei einem überfüllten Hörsaal zählt das Argumente "Es gibt doch Diktiergeräte" nicht mehr. Da gibt es einfach zu viele Nebengeräusche und der Nachbearbeitungsaufwand ist viel zu hoch. Ich hab das mal ausprobiert.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Borcas » 07.03.2012 07:30

Denke, das Problem ist natürlich auch, dass das Fach Steno in einer Regelschule nicht zwingend sinnvoll untergebracht war. Wieviele unserer Schüler an den Realschulen haben in den letzten Jahren das Fach Steno wirklich noch gebraucht? Ist einfach so, dass für die Schüler in erster Linie der direkte Nutzen zählt und das Wissen darum, dass Steno später nirgends mehr "verlangt" wird, hat die Motivation sicherlich stark in den Keller gedrückt.

Deshalb sehe ich Steno doch eher als sinnvolles Fach an einer Berufsschule, dort, wo auf bürotechnische Arbeitsplätze abgezielt wird, oder als Wahlfach an Gymnasien, wo es, wie Flo oben schreibt, für das Studium o. ä. wichtig werden kann.

Denn leider war es halt schon so, dass sich das Fach schon in den Köpfen der Schüler und der meisten Schüler totgelaufen hatte, bevor es tatsächlich abgeschafft wurde.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von strojumi » 07.03.2012 07:57

Lenz hat geschrieben:
Ob es im Alltag etwas bringt? Sagen wir mal so, ich halte Steno für wesentlich brauchbarer, als so manche Inhalte aus dem Fach Textverarbeitung - oder auch Deutsch oder Mathe.
Mich würde grundsätzlich interessieren wo Kurzschrift heute noch Verwendung findet (außer vielleicht im Hörsaal)
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 07.03.2012 21:29

strojumi hat geschrieben:Mich würde grundsätzlich interessieren wo Kurzschrift heute noch Verwendung findet (außer vielleicht im Hörsaal)
Als Lehrer kannst du es natürlich gut als Notizschrift in Konferenzen und auf Fortbildungen nutzen.

Ansonsten ist es überall dort einsetzbar, wo viel gesprochen und mitgeschrieben wird z. B. Besprechungen, Seminare, Verhandlungen, Kongresse, Telefonate etc.

Weil Steno so platzsparend ist eignet es sich auch gut für kleine Merkblätter sowie für Kalender- und Notizbucheinträge.

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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Borcas » 07.03.2012 22:11

Ja, das ist nicht die Frage. Klar ist Steno für jemanden der es wirklich kann, eine nützliche Hilfe. Wobei die wenigsten unserer Schüler in der Schule genügend Steno lernen, um es im Alltag wirklich zu gebrauchen. Die wenigen Leute, die ich kenne, die Steno tatsächlich für alltägliche Notizen anwenden, sind Sekretärinnen/Bürokräfte des alten Schlags, für die das früher noch ins berufliche Anforderungsprofil gehört hat und eben unsere Fachkollegen, die das Fach wirklich länger unterrichtet haben. Habe noch nie jemanden getroffen, der Steno wirklich nutzt und mir dann gesagt hat: "Ach, das hab' ich mal in der Schule gelernt und fand es nützlich!"

Was mich aber vielmehr interessieren würde, was auch das ist, was ein Schüler gern wissen will und ich vermute mal, auch das, worauf Strojumi die ganze Zeit hinaus will ist:
Wo wird Steno heute noch verlangt? Wofür brauche ich es tatsächlich? Welchen Nutzen bringt mir eine Grundausbildung in diesem Fachbereich für meinen späteren beruflichen Werdegang? Also: Welche Firma legt heute noch Wert darauf?

Denn wenn es nur um den privaten Nutzen geht, dann hat Steno als Fach an allgemeinbildenden Schulen einfach nix mehr verloren. Erst recht nicht im Zuge der in ihrer Wichtigkeit zunehmenden Berufsorientierung.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 08.03.2012 06:26

Borcas hat geschrieben:Wo wird Steno heute noch verlangt? Wofür brauche ich es tatsächlich? Welchen Nutzen bringt mir eine Grundausbildung in diesem Fachbereich für meinen späteren beruflichen Werdegang? Also: Welche Firma legt heute noch Wert darauf?
Ja lernen wir in der Schule für den Beruf oder für das ganze Leben? Gerade an allgemeinbildenden Schulen sollte man nicht nur die bloße Berufsorientierung im Auge haben! Wollen wir unsere Schüler denn nur noch für die Wirtschaft tauglich machen? Außerdem müssten dann ja sämtliche Fächer vom Plan verschwinden, denn in welchem Beruf brauche ich denn bitte UNBEDINGT Geschichte, Reli oder Erdkunde?
Borcas hat geschrieben:Denn wenn es nur um den privaten Nutzen geht, dann hat Steno als Fach an allgemeinbildenden Schulen einfach nix mehr verloren.
Es geht dabei vielmehr um den beruflichen Nutzen. Und auch wenn es nicht verlangt wird, so werden solche sog. Nice-to-have-Qualifikationen gerne gesehen.

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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Borcas » 08.03.2012 08:05

Glaube, du hast mich falsch verstanden.

a) der persönliche Nutzen ist kaum gegeben, da das, was unsere Schüler in der Schule an Steno lernen (können), nicht ausreicht, um es wirklich sinnvoll einzusetzen. Früher wurde hier an Berufsschulen angeknüpft und so eine Fähigkeit vermittelt, die wirklich praktisch nutzbar war.

--> d. f. es müsste zumindest einen Ansporn dadurch geben, dass das "Können" einen Vorteil beim beruflichen Einstieg bietet und

b) das tut es heutzutage nicht mehr. Deshalb sehe ich Steno nicht als sinnvoll an. Du wolltest unsere Meinungen hören. Ich persönlich halte das Fach für absolut überholt.

Übrigens hinkt der Vergleich mit Fächern wie Geschichte, etc. Denn diese Fächer vermitteln Grundwissen, das allen Schülern einer Schulgattung zugänglich gemacht wird (deshalb meine Betonung auf "Allgemeinbildenden"). Steno hingegen vermittelt ein Spezialwissen wie TV, Werken, Soziales, etc. Das vermittelte Spezialwissen in den anderen Bereichen zielt aber ganz genau auf eine berufliche Ausrichtung ab.

Wir haben also
1. Fächer, die ein allgemeinbildendes Grundwissen vermitteln und allen Schülern zugänglich sind.
2. Fächer, die einen praktischen Nutzen als Spezialwissen in der jeweiligen Fachrichtung bieten.

Steno gehört (heutzutage) keinem der beiden Bereiche mehr an.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von outback-chris » 08.03.2012 16:19

Bravo Carsten,

das sehe ich genau so ... ich hätte es nur nicht so gut beschreiben können, du Wortakrobat ;D

Liebe Grüße

strojumi
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von strojumi » 08.03.2012 21:18

ich finde es prima, dass Carsten meine Gedanken zu Papier bringen kann :ja: , das erspart es mir, mein altersschwaches Hirn mehr als unbedingt notwendig anzustrengen :lach:

Ich gehöre noch zu der alten Garde, die in der Schule Steno lernen mussten (durften?) Übermäßig schwierig empfand ich es nicht, anfangs hat es sogar Spaß gemacht. Allerdings hatte ich bereits zu jener Zeit Zweifel, ob ich diese "Kunst" jemals beruflich nützen kann. Zumindest konnte mir mein damaliger Stenolehrer noch erklären, man bräuchte Kurzschrift z.B. als Sekretärin oder Gerichtsschreiber oder Protokollführer. Da war der Käse für mich gegessen, denn die Vorstellung, eines Tages im Büro zu enden, war für mich unerträglich und somit schnell der Beschluss gefasst, dieses Fach abzuwählen ;)
Dies ist jetzt ca 45 Jahre her und ich kann nicht behaupten, während dieser Zeit auch nur ein einziges Mal diesen Entschluss bereut zu haben.
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Re: Kurzschrift im Differenzierungsbereich

Beitrag von Lenz » 09.03.2012 11:17

Ich komme aus der kaufmännischen Praxis und unterrichte ausschließlich im berufsbildenden Bereich. Somit verbinde ich solche Gedanken natürlich auch immer mit meiner Erfahrung/meinem Aufgabenbereich. Als Lehrer an Regelschulen seht ihr die Sache natürlich mit mehr "Weitblick". Kann man das so sagen?

Ich danke euch jedenfalls für eure Antworten.

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